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Vision Zentralklinik: Sehr viel zu kurz gesprungen

Von Lukas Bakker - Ein Kommentar zur aktuellen Entwicklung der Zentralklinik-Pläne

Emden/Landkreis Aurich. Wenn man eine Vision wie die einer Zentralklinik entwickelt, dann sollte das Ergebnis auch visionär sein. Was wir hier in Ostfriesland mit dem Tamtam um die Zentralklinik erleben, gibt sehr zu denken.

 

Da sind auf der einen Seite die Politiker, die behaupten im Sinne des Bürgers unterwegs zu sein. Sie bieten eine Zentralklinik an, die nichts anderes ist als ein müder Abklatsch dessen, was schon da ist. Das ist alles andere als visionär. 

Eine Vision wäre gewesen, ein Großklinikum zu denken, dass die vorhandenen Häuser nicht obsolet macht, sondern mit besonderen Leistungen ergänzt. Dann – und nur dann – wäre eine Formulierung „die beste nachhaltige medizinische Versorgung für die Zukunft“ keine billige Phrase wie heute.

 

Was konkret meint das?

 

Es gibt im Krankenhaus akut zu versorgende Patienten vom Beinbruch über eine Schnittverletzung bis hin zum Blinddarm, um nur einige Beispiele zu nennen. Das ist eine typische Aufgabe wohnortnaher Kliniken. Das Krankenhausstrukturgesetz sagt dazu: Das Krankenhaus muss gut und schnell erreichbar sein, z.B., für die direkte Versorgung nach einem Unfall oder nach einem Herzinfarkt. Deshalb sollen künftig Sicherstellungszuschläge vereinbart werden, wenn ein Krankenhaus für die Versorgung der Bevölkerung notwendig ist, aber wegen zu geringer Auslastung nicht auskömmlich wirtschaften kann. Dies stellt eine gute, schnell erreichbare Versorgung überall in Deutschland sicher.

 

Dann gibt es sogenannte planbare Operationen. Hier greifen auf Dauer die sogenannten Mindestmengen, die sicherstellen sollen, dass Knie-OPs, Rücken-OPs oder ähnlich komplexe (neuro-)chirurgische Eingriffe oder innere Krankheiten (z.B. Diabetes) von denen behandelt werden, die die meiste Erfahrung aufweisen. Hier sagt das Krankenhausstrukturgesetz: Nähe ist nicht so entscheidend, wenn es um planbare, komplizierte Eingriffe mit modernsten Methoden geht, dann muss es Spezialisierungen geben. Da ist eine hohe Qualität und Erfahrung eben wichtiger als Nähe. Qualität steht schließlich für Patientensicherheit. Deshalb ist eine sinnvolle Arbeitsteilung der richtige Weg.

 

Schlaganfälle oder Herzinfarkte sind nicht planbar, sie sind akut, aber sie gehören auch in erfahrene Hände. Hier könnte die Akut-Erstversorgung vor Ort erfolgen, die von Experten konsiliarisch über Telemedizin begleitet wird. Stroke Units und Herzinfarkt-Behandlungen gehören meines Erachtens zumindest als Basis-Einheiten in jedes Krankenhaus. 

 

Telemedizin ist ohnehin ein Thema, das Krankenhäuser auf Dauer vermutlich stark verändern wird, zum Beispiel über Robotic-Surgery. Zentralisierung ist ziemlich sicher künftig kein wichtiges Thema mehr.

Die Vision wäre also die eines ostfriesischen Superkrankenhauses für alle planbaren Eingriffe. Dies müsste in Abstimmung mit Emden, Aurich, Norden, Leer, Wittmund und Wilhelmshaven besprochen werden. Eigentlich müsste da die Landesregierung mal etwas vorlegen, wie man sich die Krankenhaus-Situation in Niedersachsen in zehn oder 20 Jahren vorstellt.

 

Dennoch: Ein Anstoß zu etwas wirklich Großem hätte von hier kommen können. Die Chance wurde vertan. Stattdessen verbringt man über ein halbes Jahrzehnt mit einem Pro-und Contra-Kasperltheater zu einer Zentralklinik, die im Wesentlichen ohne jeden echten Zusatznutzen für Patienten ist. Alter Wein in neuen Schläuchen (sorry), der viel Geld verschlingen wird. Wer weiß, wo eine große Vision heute stehen würde?

 

Leider ist man viel, viel zu kurz gesprungen.

 

Die Realisierung einer Super-Klinik voran zu bringen - dafür wäre der Einsatz eines Staatssekretärs oder des Ministerpräsidenten ein würdiger Einsatz gewesen. Aber ganz sicher nicht, um einem Konzept noch einmal Leben einzuhauchen, was vor zwei Jahren von den Emder Bürgern abgelehnt wurde und vielleicht auch wieder am 26. Mai 2019 abgelehnt werden wird.

Apopos Bürgerwillen: Dass OB Bornemann wiederholt erklärt - zuletzt am 24. April in der a Lasco Bibliothek, dass Verwaltungsgericht in Oldenburg hätte seinen Kurs zur Zentralklinik voll und ganz bestätigt, kann man ja eigentlich nicht mehr ernst nehmen.

 

So wenig ernst, wie die Politiker die Bürger nehmen. In dem Protokoll der Ratssitzung vom 6. Februar kann man nachlesen, wie die Herren dort über den „unmündigen“ Emder Bürger denken.

 

Zitat aus dem Protokoll: «Er (Bornemann) weise ausdrücklich darauf hin, dass dieser (der Bügerentscheid) in seiner Wirkung im Juni 2019 auslaufen werde. Danach könne der Rat frei über das weitere Vorgehen entscheiden. Und bei existenziellen Fragen - wie der Gesundheitsversorgung - müsse er dies sogar tun. Es verwundere ihn daher immer wieder, wenn in einer Demokratie Gesetze nach Belieben - statt nach dem Inhalt - ausgelegt würden.»

Man, man, da tritt jemand die Demokratie mit Füßen - den Bürgerentscheid - und beschwert sich noch darüber, dass andere dies kritisieren.

 

Ein anderes (SPD-)Ratsmitglied meint, so liest man es im Protokoll, das Zentralklinikum sei eines der wichtigsten, komplexen, politischen Themen, welches in der nächsten Zeit für die Zukunft umgesetzt werden müsste. Es sei daher schwierig, diese Frage von den BürgerInnen entscheiden zu lassen, Er appelliere an die BefürworterInnen des Zentralklinikums, sich energisch und mit guten Argumenten dafür einsetzen. Die FDP unterstützt diesen Beitrag.

Auf eine andere Frage zum Thema erwidert OB Bornemann, die medizinische Versorgung sei seit fünf Jahren der Beweggrund der Stadt Emden, das Zentralklinikum bauen zu wollen. Es sollte für die Bevölkerung eine optimale, bestmögliche, hochwertige medizinische Versorgung erreicht werden. Aber man werde diese unbestimmten Begriffe nicht in die Fragestellung mit aufnehmen können. 

 

Ja, das ist schon klar. Solche Phrasendrescherei haut einem jedes Gericht um die Ohren.

Die Demokratie in Emden lebt – auf sehr schmalem Fuße. Man kann die regelmäßige Lektüre der öffentlich zugänglichen Ratsprotokolle jedem nur ans Herz legen. Ein weitgehend oppositionsfreies Parlament entlarvt sich so herrlich selbst. Und man weiß dann, woran man ist. Das ist für mich Realsatire pur.

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Protokoll der Ratssitzung vom 6. Februar 2019

https://gremieninfo.emden.de/bi/to0050.asp?__ktonr=65218

Protokoll der Ratssitzung vom 6. Dezember 2018

https://gremieninfo.emden.de/bi/to0050.asp?__ktonr=64569

 

Krankenhausstrukturgesetz

https://www.bundesgesundheitsministerium.de/service/begriffe-von-a-z/k/khsg/faq-khsg.html#c996